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Auftakt 2020
Foto: Kleinkunstbühne

Wie Ehrenamtliche Salzgitter 40 Jahre mit Kleinkunst beglücken

27.01.2022 - Salzgitter-Zeitung

In der Kirche geht es ab: Kleinkunstbühnen-Gründungsmitglied Wolfgang Pozzato berichtet aus 40 Jahren ehrenamtlicher Kulturarbeit.

Wolfgang Pozzato geht oft am Wochenende in die Kirche. Es ist die Kirche, in der er getauft, konfirmiert und getraut wurde, die Kniestedter Kirche. Und wer konnte ahnen, als der kleine Wolfgang dort zum ersten Mal war, dass ihn das Gebäude sein Leben lang begleiten würde? Denn die Kniki, wie sie liebevoll genannt wird, wurde Anfang der 1970er-Jahre entwidmet und zu einem der wunderbarsten Kleinode in der Veranstaltungs-Szene. Vor 40 Jahren gründete Wolfgang Pozzato mit Paul Beßler und Axel Wilde die Kleinkunstbühne, und dieser ehrenamtliche Verein entdeckte die Kniki für Kabarett, Lesungen, Konzerte. Die Kirche ist seitdem ein Symbol für das feine Wort, freche Anmerkungen, ausgelassene Klänge – und für die Kleinkunstbühne.

Klangvolle Namen für Salzgitter in 40 Jahren

Es sind klangvolle Namen, die Pozzato aus 40 Jahren aufzuzählen weiß. Aus den ersten Jahren etwa Gert Fröbe, Dieter Hildebrandt, Hans Joachim Kulenkampff, Hardy Krüger, Lilo Pulver, Wolf Biermann und Eva-Maria Hagen – Stars aus Funk und Fernsehen oder bekannt von Bühnen. Mit den Jahren hat sich die Kleinkunstbühne einen Namen gemacht, und manche der Eingeladenen haben nicht nur lange feuchtfröhliche Abende in Salzgitter verbracht, sondern sind sogar zu Freunden geworden, sagt Pozzato. Kabarettist Werner Momsen (geplanter Auftritt: 5. Februar) hat in seiner lebensgroßen Puppe sogar eine Laudatio gehalten, Kabarettist Jochen Malmsheimer (geplanter Auftritt am 11. Februar) nachts bei den Pozzatos in die hohe Kunst des Brotbackens eingeführt.

„Ich lade sie gerne ein, weil ich sie gerne um mich habe und uns gute Erinnerungen verbinden“, sagt Pozzato. Gerade zum 40-jährigen Bestehen sind nun Künstler eingeladen, die sich schon auskennen in der Kniki – und gerne nach Salzgitter kommen. Auch, wenn es zu Beginn nur eine einzige Steckdose in der Kniki gab. Apropos Beginn. 1981 überlegten Beßler, Wilde und Pozzato, etwas anderes zu machen als Konzerte und Theater. Liedermacher hatten zum Beispiel Konjunktur. Und man hatte gemerkt beim Altstadtfest, dass ein bisschen Programm die Menschen anlockt. Das probierten sie mit Lokalgrößen aus, das lief und ermutigte.

Erste Veranstaltung war im Bali-Kino in Salzgitter-Bad

Schließlich organisierten sie eine Pilotveranstaltung, um danach zu entscheiden, ob ein Verein gegründet werden sollte. Die Hawkids wurden gebeten, man kannte sich schließlich, und das Ganze fand im Bali-Kino statt. Das war 1981. Drei erfolgreiche Veranstaltungen später, erinnert sich Pozzato, wurde dann offiziell der Verein gegründet – da war es schon 1982. Genau sieben Personen brauchte man für die Gründung, einer wurde zur Erreichung dieser Zahl kurzerhand verpflichtet und trat gleich nach der Gründung wieder aus, überlegte es sich zehn Jahre später aber anders.

Die Satzung übernahm man kurzerhand von einem Göttinger Verein, der ein bisschen als Vorbild diente, und so kam auch, schmunzelt Pozzato, der Passus der „Unterstützung des studentischen Lebens in der Stadt“ mit rein – obwohl es in Calbecht noch gar keine Hochschule gab. Ja, und dann ging es los.

Das Donovan-Konzert in Salzgitter wurde privat vorfinanziert

Donovan sollte es sein, fanden die Drei, damals ein weltweit bekannter Singer-Songwriter. Dessen Agent wollte allerdings 12.000 Mark in Vorkasse. Die drei Gründer kratzten ihr Geld zusammen. „Keiner hat seiner Frau etwas gesagt“, erinnert sich Pozzato. Doch es ging gut: Das Konzert, das Pozzato heute als „größtes Risiko“ bezeichnet, war ausverkauft.

An die Kniki ist der Verein gekommen, weil die Straße die Gemeinde von ihrer Kirche trennte, die Martin-Luther-Kirche an ihrer Satt erbaut wurde und das alte Kirchengebäude ohne Heizung und Infrastruktur nutzlos wurde. Die Kleinkunstbühne hatte nach einem geeigneten Aufführungsort gesucht, dies schien er zu sein, auch die Akustik war gut. „Wir hatten alles probiert“, so Pozzato, „Kneipen, Aulen, Kinos, die Eishalle.“ In der Kniki lag allerdings Schutt, die Scheiben waren kaputt, Tauben nisteten im Inneren. Mit Hilfe einer Förderung wurde die Kirche drei Jahre lang hergerichtet und 1985 eröffnet. Der Verein hatte seinen Veranstaltungsort. „Bei den ersten Veranstaltungen 1982 gab es noch den Altar, die Kanzel und das Chorgestühl“, erinnert sich Pozzato.

Gert Fröbe las Christian Morgenstern in der Kniki

1986 gelang es, Gert Fröbe, einen der gefragtesten deutschen Charakterdarsteller, der sogar in einem James-Bond-Film die Titelrolle „Goldfinger“ gespielt hat, nach Salzgitter zu holen. Dank der Hartnäckigkeit von Beßler, weiß Pozzato. Fröbe wurde am Bahnhof in Ringelheim herzlich empfangen, denn seine Ankunft hatte sich herumgesprochen. Beßler, der den Kontakt hergestellt hatte, sollte dabei sein – doch er hatte sich ein Bein gebrochen und konnte dank des beinhohen Gipses nicht richtig sitzen. Er wurde in den Kofferraum eines Kombis verfrachtet, nachdem man einen Deal mit den Krankenschwestern ausgehandelt habe, erzählt Pozzato. Fröbe beguckte die Kniki und machte eine Sprechprobe in einer donnernden Lautstärke, erinnert er sich.

Fröbe trug in der Kniki schließlich Christian Morgenstern vor, erzählte aus seinem Leben, verzauberte die Menschen, ging auf sie ein. „Er hat jeden der drei Abende ein anderes Programm gehabt“, weiß Pozzato noch. Fröbe war auch ein Türöffner für die Kleinkunstbühne. Man konnte immer sagen: Fröbe war da, das weckte das Interesse, sagt Pozzato. Und so gaben die Künstler manchmal auch ganz materiell etwas zurück.

Auch in der Aula und im Zelt gab es Veranstaltungen

Es muss nicht immer Kniki sein: Da gab es nicht nur Varieté mit Artisten des russischen Staatszirkus’ im Zelt, die Kleinkunstbühne gab auch Veranstaltungen in der Aula in Salzgitter-Bad mit bekannten Bands wie The Mamas and the Papas, Lionel Hampton oder Smokie, aber auch Liedermacher wie Wolf Biermann oder Hannes Wader – dafür gab es schlicht zu viel Publikum.

„Das habe ich davon“, resümiert Pozzato, „nämlich die Begegnung mit außergewöhnlichen Menschen, Sowas kann man nicht bezahlen.“ Und so entspannen sich Diskussionen am Pozzatoschen Tisch, wo der Salzgitteraner sich von einem Kabarettisten auch schon mal sagen lassen musste: „Klappe, Pozzato, für Witze bin ich zuständig!“

Ein Kabarettist musste in einen Eimer pinkeln

Ein Kabarettist trank während des Auftritts ziemlich viel Wein, erzählt Pozzato, „pro Hälfte eine Flasche!“ Er wollte allerdings nicht auf die Toilette – es gab nur eine in der Kniki –, auf die auch die Gäste gingen, und verlangte stattdessen einen Eimer. Sein Spruch hinterher auf der Bühne, dass man sich in einen Eimer erleichtern müsse, saß. „Ein Jahr später erfolgte der Anbau“, sagt Pozzato vergnügt.

Der Kabarettist Alfons strapazierte nicht nur die Lachmuskeln, sondern berührte die Salzgitteraner auch mit seiner persönlichen Geschichte, wie er Deutscher geworden ist (angeblich hat er von Olaf Scholz die Einbürgerungsurkunde bekommen). Seine Großmutter war als Jüdin im KZ, die eintätowierte Nummer auf ihrem Arm hatte den jungen Emmanuel Peterfalvi, so sein bürgerlicher Name, immer beeindruckt. Es stellte sich heraus, dass diese Nummer auch der Code ihres Tresors war.

Kritik entsetzt: Nackte Männer wälzen sich auf der Bühne

Pozzato ist auch dafür, mal was anderes zu machen. Nicht alles kam allerdings auch gut an. Pozzato erinnert sich an „Lästerlyrik und Folklore“, absurde Lyrik aus der Schweiz, bei der sich nackte Männer auf der Bühne gewälzt haben sollen. Die Kritik war entsetzt.

„Früher mussten wir betteln, heute bekommen wir Anfragen“, verdeutlicht Pozzato den Namen, den sich die Kleinkunstbühne gemacht hat. Wer in die Kniki kommt, weiß, worauf er sich einlässt, ist Pozzato überzeugt. „Wir verhandeln auch nicht über Gagen. Die wissen, dass alle gleich behandelt werden.“ Dafür sei es bei ihnen wie in einer Familie. Auch hieß es schon, dass man per Kleinkunstbühne bekannt werde, betont Pozzato.

Einige Künstler, die in Salzgitter waren, haben Preise gewonnen

Tatsächlich hätten einige Künstler, die in Salzgitter auftraten, hinterher Preise gewonnen. So seien einmal von 18 Künstlern im Programm fünf Kleinkunstpreisträger gewesen. So ging es auch mit Bülent Ceylan, der in Salzgitter vor 180 Leuten spielte.

Die Kleinkunstbühne hat laut Pozzato 420 Mitglieder. Inzwischen gehören zum Vorstand auch Jörg Nowak, Klaus und Christel Geisser sowie Andrea Friemel. Alles wird nach wie vor ehrenamtlich bestritten. Die Kleinkunstbühne erwirtschaftet Geld zum Investieren, wenn andere in der Kniki Veranstaltungen organisieren, das Kniki-Team aber die Bewirtung macht. „Die Hälfte meines Lebens habe ich in der Kniki verbracht“, sagt Pozzato. „Das ist hier mein Herzblut!“

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